DenkWege zu Luther

Das bundesweite Projekt der Ev. Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur philosophischen, kulturellen und religionskundlichen Bildung mit Jugendlichen zum Reformationsjubiläum 2017 [www.DenkWege-zu-Luther.de]



DenkWege zu Luther
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Seminarhandreichung Politik und Reformation



Gottes Strafe, Gottes Gnade – Luthers Rechtfertigungslehre und ihre aktuelle Bedeutung


Material M1:



Luther erinnert sich an sein frühes Bild von Gott:

„Also ist es eine schädliche Sache, dass man unter dem Papst die Leute gelehrt hat, vor Christus zu fliehen. Ich hörte nicht gern, dass man ihn nannte, weil man mich so unterwiesen hatte, dass ich die Genugtuung für meine Sünden leisten müsse und dass Christus am Jüngsten Tage sagen werde: ,Wie hast du die zehn Gebote gehalten? Wie deinen Stand?’ Wenn ich ihn gemalt sah, erschrak ich vor ihm wie vor dem Teufel, weil ich sein Gesicht nicht ertragen konnte.“

Volker Leppin: Martin Luther, Darmstadt 2006, S. 21

Material M2:



Gemälde Hans Memling: Das Jüngste Gericht. Mitteltafel des Weltgerichtsaltars, um 1467-73.

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Material M3:



Luthers theologisches Denken erlebte nach Übernahme der Professur in Wittenberg ab 1514/15 wesentliche Veränderungen. Im Besonderen beschäftigte er sich mit der Beziehung zwischen Gott und Mensch und stellte sich dabei die Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ 1545 erinnert sich Luther an die intensive Beschäftigung mit dem Römerbrief des Paulus und die daraus gewonnenen Erkenntnisse - für ihn sein „Turmerlebnis“:

„Endlich achtete ich in Tag und Nacht währendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte, nämlich: ,Die Gerechtigkeit wird ihm offenbart’, wie geschrieben steht: ,Der Gerechte lebt aus dem Glauben’ (Hab 2,4). Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes als die zu begreifen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben; ich begriff, dass dies der Sinn ist: Offenbar wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive, durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: ,Der Gerechte lebt aus dem Glauben’.
Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite.“

„Luthers wegweisende Erkenntnis war, dass der sündhafte Mensch allein durch den Glauben an Gottes Gnade erlöst („gerechtfertigt“) werden kann. Sie ist deshalb auch als passive Rechtfertigung bekannt. Diese Sichtweise stand im krassen Gegensatz zur damals vorherrschenden Kirchenauffassung der aktiven Rechtfertigung: Allein durch gute Taten und Buße könne der sündige Mensch die Gnade Gottes erlangen.
An diesem Streit um die Rechtfertigungslehre zerbrach im 16. Jahrhundert die Einheit der Kirche.“

A.a.O., S.108 ff.

Material M4:



Gemeinsame Erklärung der Rechtfertigungslehre (1999)
Am 31. Oktober 1999 wurde in Augsburg zusammen mit zwei Zusatztexten die „GEMEINSAME ERKLÄRUNG ZUR RECHTFERTIGUNGSLEHRE des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche“ verabschiedet. Zu symbolischer Stunde (Reformationstag) an symbolischer Stätte (Augsburger Konfession 1530) erlangte damit erstmalig ein von evangelischer und katholischer Seite offiziell gemeinsam erarbeitetes Dokument Gültigkeit.

„4.1. Unvermögen und Sünde des Menschen angesichts der Rechtfertigung
(19) Wir bekennen gemeinsam, daß der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden oder seine Rechtfertigung vor Gott zu verdienen oder mit eigener Kraft sein Heil zu erreichen. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade. Weil Katholiken und Lutheraner das gemeinsam bekennen, darum gilt:
(20) Wenn Katholiken sagen, daß der Mensch bei der Vorbereitung auf die Rechtfertigung und deren Annahme durch seine Zustimmung zu Gottes rechtfertigendem Handeln „mitwirke“, so sehen sie in solch personaler Zustimmung selbst eine Wirkung der Gnade und kein Tun des Menschen aus eigenen Kräften.
(21) Nach lutherischer Auffassung ist der Mensch unfähig, bei seiner Errettung mitzuwirken, weil er sich als Sünder aktiv Gott und seinem rettenden Handeln widersetzt. Lutheraner verneinen nicht, daß der Mensch das Wirken der Gnade ablehnen kann. Wenn sie betonen, daß der Mensch die Rechtfertigung nur empfangen kann (mere passive), so verneinen sie damit jede Möglichkeit eines eigenen Beitrags des Menschen zu seiner Rechtfertigung, nicht aber sein volles personales Beteiligtsein im Glauben, das vom Wort Gottes selbst gewirkt wird. […]

4.7. Die guten Werke des Gerechtfertigten
(37) Wir bekennen gemeinsam, daß gute Werke - ein christliches Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe - der Rechtfertigung folgen und Früchte der Rechtfertigung sind. Wenn der Gerechtfertigte in Christus lebt und in der empfangenen Gnade wirkt, bringt er, biblisch gesprochen, gute Frucht. Diese Folge der Rechtfertigung ist für den Christen, insofern er zeitlebens gegen die Sünde kämpft, zugleich eine Verpflichtung, die er zu erfüllen hat - , deshalb ermahnen Jesus und die apostolischen Schriften den Christen, Werke der Liebe zu vollbringen.
(38) Nach katholischer Auffassung tragen die guten Werke, die von der Gnade und dem Wirken des Heiligen Geistes erfüllt sind, so zu einem Wachstum in der Gnade bei, daß die von Gott empfangene Gerechtigkeit bewahrt und die Gemeinschaft mit Christus vertieft werden. Wenn Katholiken an der „Verdienstlichkeit“ der guten Werke festhalten, so wollen sie sagen, daß diesen Werken nach dem biblischen Zeugnis ein Lohn im Himmel verheißen ist. Sie wollen die Verantwortung des Menschen für sein Handeln herausstellen, damit aber nicht den Geschenkcharakter der guten Werke bestreiten, geschweige denn verneinen, daß die Rechtfertigung selbst stets unverdientes Gnadengeschenk bleibt.
(39) Auch bei den Lutheranern gibt es den Gedanken eines Bewahrens der Gnade und eines Wachstums in Gnade und Glauben. Sie betonen allerdings, daß die Gerechtigkeit als Annahme durch Gott und als Teilhabe an der Gerechtigkeit Christi immer vollkommen ist, sagen aber zugleich, daß ihre Auswirkung im christlichen Leben wachsen kann. Wenn sie die guten Werke des Christen als „Früchte“ und „Zeichen“ der Rechtfertigung, nicht als eigene „Verdienste“ betrachten, so verstehen sie gleichwohl das ewige Leben gemäß dem Neuen Testament als unverdienten „Lohn“ im Sinn der Erfüllung von Gottes Zusage an die Glaubenden. […]“

GEMEINSAME ERKLÄRUNG ZUR RECHTFERTIGUNGSLEHRE des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche
Zum Text auf der Seite des Vatican ...

Links zur Diskussion um die Erklärung

Eine kirchenoffizielle Sicht zum Thema in der aktuellen Publikation der EKD: Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. 2014.
Download als PDF ...


Material M5:



Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Taten und Untaten

Robert Leicht war von 1992 bis 1997 Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, danach ihr politischer Korrespondent. 1999 wurde er zum Präsidenten der Evangelischen Akademie zu Berlin gewählt.

„[…] Wenn die Frage „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ mit der Auskunft beantwortet werden muss: „Nicht durch eigene Verdienste, Anstrengungen, gute Werke, sondern allein durch den Glauben“, so kann auch dieser Glaube, also diese Beziehung, kein verdienstvolles Werk, keine menschliche Leistung sein. Das eben ist die Pointe jenes lutherischen theologischen Hauptsatzes namens „Rechtfertigungslehre“.
Noch einmal in die zeitgenössische Sprache gewendet, könnte man auch vom Hauptsatz einer durchaus zweischneidigen „Befreiungstheologie“ reden:
Zum einen wird der Mensch aus dem Leistungsdruck und Erfolgszwang entlassen. Sich im Letzten ständig selber zu rechtfertigen, sein Dasein zu legitimieren – vor sich, vor Gott und der Welt; er kann vielmehr einfach da sein.
Zum anderen aber wird ihm, […] die Illusion durchstrichen, er könne diese Selbstversicherung ganz hübsch allein erreichen.
Eine solche existenztheologisch kritische Sicht sollte keine aktuelle Bedeutung mehr haben?
Wenn der Mensch mehr, ja wesentlich etwas anderes ist als die Summe seiner Taten und Untaten (Eberhard Jüngel), dann erst gibt es tatsächlich eine von Menschen nicht anzutastende Menschenwürde. Und die darf, zum einen, der Staat selbst gegenüber einem schwer straffällig gewordenen Menschen nicht verletzen; erst recht muß in dieser Sicht die Todesstrafe als menschenwidriger Skandal gelten. Zum anderen aber: Es gibt auch keinen menschlichen Richter, dessen Sprüche vollendete Gerechtigkeit stiften könnten. Und so ließe sich diese Einsicht immer weiter buchstabieren durch die Wirtschaft und die Naturwissenschaft, gegenüber allen Versuchen, menschliche Werte zu beziffern, menschliche Existenzen zu berechnen, zu klonen […] Zwanghafte Selbstrechtfertigung wie zwanghafte Selbstverwirklichung erfahren hier eine Grenze. […]“

Robert Leicht: Glaube allein. In: Die Zeit. Ausgabe 06, 1998. Abgedruckt in: Luther im Unterricht. Eine Handreichung für die Schule, 2000, Material des LISA Halle
 


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