DenkWege zu Luther

Das bundesweite Projekt der Ev. Akademien Sachsen-Anhalt und Thüringen zur philosophischen, kulturellen und religionskundlichen Bildung mit Jugendlichen zum Reformationsjubiläum 2017 [www.DenkWege-zu-Luther.de]



DenkWege zu Luther
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Seminarhandreichung Politik und Reformation



Widerstandsrecht und Ungehorsam gegen die Obrigkeit bei Martin Luther


Download der Zitate, auf die im Broschürentext Bezug genommen wird ...

1.
Am Sonntag Invocavit, 9. März 1522
Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert und wird keiner für den andern sterben. Sondern ein jeglicher wird in eigener Person für sich mit dem Tode kämpfen. In die Ohren können wirs wohl schreien, aber ein jeglicher muß für sich selber bereit sein in der Zeit des Todes: ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir. Hierbei muß jedermann selbst die Hauptstücke, die einen Christen angehen, gut wissen und (darin) gerüstet sein, und das sind die:…
[Martin Luther: Acht Sermone gepredigt zu Wittenberg in der Fastenzeit, S. 2. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2461 (vgl. Luther-W Bd. 4, S. 61) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

2.
… du sollst wissen, daß es von Anbeginn der Welt gar ein seltener Vogel ist um einen klugen Fürsten, noch viel seltener um einen frommen Fürsten. Sie sind im allgemeinen die größten Narren oder die ärgsten Buben auf Erden; weshalb man bei ihnen allezeit auf das ärgste gefaßt sein und wenig Gutes von ihnen erwarten muß, besonders in göttlichen Sachen, die der Seelen Heil belangen.
[Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), S. 44. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4392 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 36) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



3.
Gott der Allmächtige hat unsere Fürsten toll gemacht, daß sie nicht anders meinen, sie könnten tun und ihren Untertanen gebieten, was sie nur wollen, (und die Untertanen irren auch und glauben, sie seien schuldig, dem allem zu folgen), so ganz und gar, daß sie nun angefangen haben, den Menschen zu gebieten, Bücher von sich zu tun, zu glauben und zu halten, was sie vorgeben. Damit vermessen sie sich, sich auch in Gottes Stuhl zu setzen und die Gewissen und den Glauben zu meistern und nach ihrem tollen Gehirn den heiligen Geist zur Schule zu führen. Dennoch verlangen sie, man dürfe es ihnen nicht sagen und solle sie noch gnädige Junker nennen.
[Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), S. 2. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4350 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 9) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

4.
Wenn nun dein Fürst oder weltlicher Herr dir gebietet, es mit dem Papst zu halten, so oder so zu glauben, oder dir gebietet, Bücher von dir zu tun, sollst du so sagen:36 Es gebührt Luzifer nicht, neben Gott zu sitzen. Lieber Herr, ich bin euch schuldig zu gehorchen mit Leib und Gut; gebietet mir nach dem Maß eurer Gewalt auf Erden, so will ich folgen. Heißt ihr mich aber glauben und Bücher von mir zu tun, so will ich nicht gehorchen. Denn da seid ihr ein Tyrann und greift zu hoch, gebietet, wo ihr weder Recht noch Macht habt usw. Nimmt er dir darüber dein Gut und straft solchen Ungehorsam: selig bist du und danke Gott, daß du würdig bist, um göttlichen Worts willen zu leiden. Laß ihn nur toben, den Narren, er wird seinen Richter wohl finden. Denn ich sage dir, wo du ihm nicht widersprichst und ihm Raum gibst, daß er dir den Glauben oder die Bücher nimmt, so hast du wahrlich Gott verleugnet.
Damit ich dafür ein Beispiel gebe: In Meißen, Bayern und in der Mark Brandenburg und an andern Orten haben die Tyrannen ein Gebot ausgehen lassen, man solle die Neuen Testamente an die Amtsstellen hin und her überantworten. Hier sollen ihre Untertanen so tun: nicht ein Blättlein, nicht einen Buchstaben sollen sie überantworten, bei Verlust ihrer Seligkeit.
[Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), S. 43. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4391 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 35) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

Sie würden sonst zu Christusmördern.



5.
Dem Frevel soll man nicht widerstehen, sondern ihn leiden; man soll ihn aber nicht billigen, noch dazu dienen oder folgen oder mit einem Schritt oder mit einem Finger gehorchen.
[Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), S. 44. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4392 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 35-36) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

6.
Wie, wenn ein Fürst unrecht hätte, ist ihm sein Volk dann auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muß Gott (der Recht haben will) mehr gehorchen als den Menschen (Apg. 5, 29). Wie, wenn die Untertanen nicht wüßten, ob er recht hätte oder nicht? Antwort: Solange sie es nicht wissen noch durch möglichen Fleiß erfahren können, so mögen sie ihm ohne Gefahr für die Seelen folgen.
[Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), S. 63. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4411 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 48) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

7.
Die Bauern in dem Aufruhr gaben vor, die Herren wollten das Evangelium nicht predigen lassen und schindeten die armen Leute, deshalb müßte man sie stürzen. Aber ich habe darauf geantwortet,14 daß, obgleich die Herren unrecht daran täten, es deshalb nicht billig noch recht wäre, auch Unrecht zu tun, das heißt, ungehorsam zu sein und Gottes Ordnung zu zerstören, die nicht unser ist; sondern man solle das Unrecht leiden. Und wo ein Fürst oder Herr das Evangelium nicht leiden will, da gehe man in ein anderes Fürstentum, wo es gepredigt wird, wie Christus Matth. 10, 23 sagt: »Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere«.
[Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), S. 16. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4439 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 61) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



8.a
ist Aufruhr von Gott verboten, da er durch Mose (5. Mose 16, 20) sagt: »Was recht ist, dem sollst du nachjagen«, ferner 5. Mose 32, 35: »Die Rache ist mein, ich will vergelten.« Daher kommt das wahre Sprichwort: Wer zurückschlägt, der hat unrecht, ferner: Niemand kann sein eigener Richter sein. Nun ist Aufruhr nichts andres als selbst richten und rächen. Das kann Gott nicht leiden, darum ists nicht möglich, daß Aufruhr nicht allezeit die Sache viel ärger machen sollte, weil er wider Gott und Gott nicht mit ihm ist.
[Martin Luther: Eine treue Vermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung (1522), S. 10. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2440 (vgl. Luther-W Bd. 4, S. 51) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

8.b
Ein Aufrührer ist nicht ein Mörder oder noch nicht (einmal) so »rechtschaffen« wie ein Mörder; denn ein Straßenräuber oder Mörder greift nur ein Stück an, nicht das Haupt, bekennt auch die Obrigkeit und flieht sie, auf daß er nicht (von ihr) gestraft werde. Ein Aufrührer will nun gegen das Haupt an und die Obrigkeit unterdrücken, wie denn im Aufruhr viel schändlicher Laster mehr geschehen, die da unzählig sind.
[Martin Luther: Verantwortung D. Martin Luthers auf das Büchlein wider die räuberischen und mörderischen Bauern (1525), S. 2. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4718 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 198) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

9.
wenn es gleich möglich wäre, daß ein Aufruhr würde und Gott sie so gnädiglich strafen wollte, so ist doch dies Verfahren ohne Nutzen, bringt auch nimmermehr die Besserung, die man damit sucht. Denn Aufruhr hat keine Vernunft und geht gemeiniglich mehr über die Unschuldigen als über die Schuldigen. Darum ist auch kein Aufruhr recht, wie rechte Sache er immer haben mag, und folgt allezeit mehr Schadens als Besserung daraus, damit das Sprichwort erfüllet wird: Aus Übel wird Ärgeres. Deshalb ist die Obrigkeit und das Schwert eingesetzt, die Bösen zu strafen und die Frommen zu schützen, daß Aufruhr verhütet werde, wie Paulus sagt (Röm. 13, 1 ff.) und 1. Petr. 2, 13 f. Aber wenn »Herr Omnes«14 aufsteht, der vermag solch Unterscheiden der Bösen und Frommen weder zu treffen noch zu halten, schlägt in den Haufen, wie es trifft, und es kann nicht ohne großes greuliches Unrecht zugehen.
Darum habe acht auf die Obrigkeit. Solange die nicht zugreift und befiehlt, so halte du stille mit Hand, Mund und Herz, und kümmere dich um nichts.15Kannst du aber die Obrigkeit bewegen, daß sie angreife und befehle, so magst du es tun. Will sie nicht, so sollst du auch nicht wollen. Fährst du aber fort, so bist du schon ungerecht und viel ärger als die Gegenseite. Ich halte und wills allezeit halten mit dem Teil, der Aufruhr leidet, wie ungerechte Sache er immer habe, und entgegen sein dem Teil, der Aufruhr macht, wie rechte Sache er immer habe: deshalb, weil Aufruhr nicht ohne unschuldiges Blut (Vergießen) oder Schaden vor sich gehen kann.
[Martin Luther: Eine treue Vermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung (1522), S. 9. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2439 (vgl. Luther-W Bd. 4, S. 50-51) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



10.
Aufruhr ist kein Scherz, und keine Übeltat auf Erden ist ihr gleich. Andre Untugenden sind einzelne Stücke, Aufruhr ist eine Sintflut aller Untugend.
[Martin Luther: Ein Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern (1525), S. 32. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4756 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 221) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

11.
über einen öffentlichen Aufrührer ist ein jeglicher Mensch beides, Oberrichter und Scharfrichter, gleich als wenn ein Feuer ausbricht: wer am ersten löschen kann, der ist der Beste. Denn Aufruhr ist nicht ein einfacher Mord; sondern wie ein großes Feuer, das ein Land anzündet und verwüstet, so bringt Aufruhr mit sich ein Land voll Mords, Blutvergießen und macht Witwen und Waisen und zerstört alles, wie das allergrößte Unglück. Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, daß nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muß: schlägst du (ihn) nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.
[Martin Luther: [Auch] wider die räuberischen und mörderischen Rotten der [andern] Bauern (1525), S. 4. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4707 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 192) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

12.
Am Ende seiner Schrift gegen die Bauern, wo er die Fürsten zum fröhlichen Schlachten auffordert, schreibt er: „Dünkt das jemand zu hart, der bedenke, daß Aufruhr unerträglich ist und alle Stunde der Welt Zerstörung zu erwarten sei.“
[Martin Luther: [Auch] wider die räuberischen und mörderischen Rotten der [andern] Bauern (1525), S. 11. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4714 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 197) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



13.
das will ich vor allen Dingen zuvor gesagt haben: Wer Krieg anfängt, der ist im Unrecht. Und es ist billig, daß der geschlagen oder doch zuletzt gestraft werde, der zuerst das Messer zückt; … Denn weltliche Obrigkeit ist nicht von Gott eingesetzt, daß sie Frieden brechen und Kriege anfangen solle, sondern dazu, daß sie den Frieden handhabe und den Kriegern wehre, wie Paulus Röm. 13, 4 sagt, des Schwertes Amt sei Schützen und Strafen, Schützen die Frommen durch Frieden und Strafen die Bösen mit Krieg.
[Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), S. 29. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4452 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 69) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

14.
Und ich rate auch treulich: wer unter solchem unfriedlichen Fürsten Krieg führt, daß er aus dem Felde laufe, was er laufen kann. Er errette seine Seele und lasse seinen rachgierigen, unsinnigen Fürsten allein und selbst mit denen, die mit ihm zum Teufel fahren wollen, Krieg führen. Denn niemand ist gezwungen, sondern (es ist ihm) vielmehr verboten, Fürsten und Herren gehorsam zu sein, oder Eide zu halten zu seiner Seelen Verdammnis, das ist gegen Gott und Recht. Es heißt: Wir vermögen das, was wir rechtmäßig tun können.
[Martin Luther: Sendbrief in der Wurzener Fehde (1542), S. 10. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4499 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 92) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

15.
Wie, wenn mein Herr unrecht hätte, Krieg zu führen? Antwort: Wenn du sicher weißt, daß er unrecht hat, so sollst du Gott mehr fürchten und gehorchen als den Menschen, Apg. 5, 29, und sollst nicht Krieg führen noch dienen; denn du kannst da kein gutes Gewissen vor Gott haben. Ja, sagst du, mein Herr zwingt mich, nimmt mir mein Leben, gibt mir mein Geld, Lohn und Sold nicht; dazu würde ich vor der Welt als ein Feigling verachtet und gescholten,38 ja als ein Treuloser, der seinen Herrn in Nöten verläßt usw. Antwort: Das mußt du darauf ankommen und um Gottes willen geschehen lassen, was da geschieht. Er kann dirs wohl hundertfältig wiedergeben, wie er im Evangelium (Matth. 19, 29) verheißt: Wer um meinetwillen verläßt Haus, Hof, Weib, Gut, der solls hundertfältig wiederkriegen usw. Muß man doch solcher Gefahr in allen andern Werken auch gewärtig sein, da die Obrigkeit Unrecht zu tun zwingt. Aber weil Gott auch Vater und Mutter um seinetwillen verlassen haben will, so muß man freilich auch (seinen) Herrn um seinetwillen verlassen usw. Wenn du aber nicht weißt oder nicht erfahren kannst, ob dein Herr im Unrecht sei, sollst du den sicheren Gehorsam um unsicheren Rechtes willen nicht schwächen, sondern dich nach der Liebe Art des Besten zu deinem Herrn versehen. Denn »Liebe glaubet alles« und »rechnet das Böse nicht zu«, 1. Kor. 13, 7. 5. So bist du sicher und fährst abermals gut vor Gott. Greift39 man dich deshalb an oder schilt dich treulos, so ists besser, daß dich Gott als treu und redlich preist, als daß dich die ganze Welt als treu und redlich preist. Was hülfe dirs, wenn dich die Welt für Salomo oder Mose hielte, und du wärest vor Gott so böse gerechnet wie Saul oder Ahab?
[Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), S. 45. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4468 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 79-80) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



16.
Das ist wohl billig: wo etwa ein Fürst, König oder Herr wahnsinnig würde, daß man denselben absetzt und gefänglich verwahrt; denn der ist nun fortan nicht für einen Menschen zu halten, weil die Vernunft (in ihm) dahin ist. Ja, sagst du, ein wütender Tyrann ist sicherlich auch wohl für wahnsinnig oder wohl noch für ärger zu achten als ein Unsinniger, denn er tut viel mehr Schaden usw. Hier wills mit der Antwort hapern. Denn es hat solche Rede einen mächtigen Schein (des Rechts) und will eine Billigkeit herauszwingen. Aber doch sage ich meine Meinung darauf, daß es mit einem Wahnsinnigen und einem Tyrannen nicht dasselbe ist. Denn der Wahnsinnige kann nichts Vernünftiges tun noch leiden, es ist auch keine Hoffnung darauf da, weil das Licht der Vernunft weg ist. Aber ein Tyrann tut dennoch viel dazu: ebenso weiß er, wo er Unrecht tut, und ist Gewissen und Erkenntnis noch bei ihm und Hoffnung auch, daß er sich bessern, sich etwas sagen lassen und lernen und dem folgen möge, wovon nichts bei dem Wahnsinnigen ist, welcher wie ein Klotz oder Stein ist. Über das hinaus ist noch eine böse Folgerung oder ein (gefährliches) Beispiel dahinter verborgen, daß, wo es gebilligt wird, Tyrannen zu ermorden oder zu verjagen, es bald einreißt und eine allgemeine Willkür daraus wird, daß man (Herrscher) Tyrannen schilt, die nicht Tyrannen sind und sie auch ermordet, wie es dem Pöbel in den Sinn kommt. Wie uns das die römischen Historien wohl zeigen, da sie manchen feinen Kaiser allein deswegen töteten, weil er ihnen nicht gefiel oder nicht ihren Willen tat und sie nicht Herren sein ließ und sich nicht für ihren Knecht und Maulaffen hielt, wie dem Galba, Pertinax, Gordian, Alexander15 und mehreren (anderen) geschah. Man darf dem Pöbel nicht viel pfeifen, er ist sonst gern toll, und es ist billiger, ihm in solchem Fall zehn Ellen abzubrechen, als eine Hand breit, ja einen Finger breit einzuräumen. Und es ist besser, daß ihnen die Tyrannen hundertmal Unrecht tun, als daß sie den Tyrannen einmal Unrecht tun. Denn wenn ja Unrecht gelitten sein soll, so ists vorzuziehen, es von der Obrigkeit zu leiden, als daß es die Obrigkeit von den Untertanen leide, Denn der Pöbel hat und weiß kein Maß und in einem jeglichen (von ihm) stecken mehr als fünf Tyrannen. Nun ists besser von einem Tyrannen, das heißt von der Obrigkeit, Unrecht leiden als von unzähligen Tyrannen, das heißt vom Pöbel, Unrecht leiden.16
Mein Grund und Ursache für dies alles ist, daß Gott sagt (Röm. 12, 19): »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, ferner (Matth. 7, 1): »Richtet nicht«. …(AT) … Hier willst du vielleicht einwenden: Ja, wie kanns doch alles von den Tyrannen erlitten werden? Du gibst ihnen zuviel Raum, und ihre Bosheit wird durch solche Lehre nur stärker und größer. Soll man denn leiden, daß jedermanns Weib und Kind, Leib und Gut so in der Gefahr der Schande stehe? Wer will etwas Ordentliches anfangen, wenn man so leben soll? Antworte ich: Lehre ich doch nicht dich, der du tun willst, was dich (gut) dünkt und dir gefällt. Fahre hin nach deinem Sinn und erwürge deine Herren alle. Siehe zu, wie dirs gelingt. Ich lehre die allein, die gern recht tun wollten.
[Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), S. 16. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4439 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 61) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

17.
Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern sind zwei Dinge, so weit voneinander wie Himmel und Erde. Ändern mag leicht geschehen; bessern ist mißlich und gefährlich. Warum? Es steht nicht in unserm Willen oder Vermögen, sondern allein in Gottes Willen und Hand. Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel, wie es besser werde, sondern daß es nur anders werde. Wenns dann ärger wird, so will er abermals etwas andres haben. So kriegt er denn Hummeln für Fliegen und zuletzt Hornissen für Hummeln. Und wie die Frösche vorzeiten auch nicht den Klotz zum Herrn leiden mochten, kriegten sie den Storch dafür,20 der sie auf den Kopf hackte und sie fraß. Es ist eine verzweifelte, verfluchte Sache um einen tollen Pöbel, welchen niemand so gut regieren kann wie die Tyrannen; diese sind der Knüttel, dem Hunde an den Hals gebunden. Sollten sie auf bessere Weise zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und Tyrannen. Das Schwert zeigt wohl an, was es für Kinder unter sich habe, nämlich lauter verzweifelte Buben, wenn sie nur die Möglichkeit dazu hätten.
Deshalb rate ich, daß ein jeglicher, der mit gutem Gewissen hierin verfahren und recht tun will, der sei mit der weltlichen Obrigkeit zufrieden und vergreife sich nicht daran, mit Rücksicht darauf, daß die weltliche Obrigkeit der Seele nicht Schaden tun kann, wie es die geistlichen und falschen Lehrer tun.
[Martin Luther: Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), S. 25. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4448 (vgl. Luther-W Bd. 7, S. 66-67) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]



18.
Aufruhr ist nicht, wenn einer wider das Recht handelt, sonst müßten alle Übertretungen des Rechts Aufruhr heißen, sondern der heißt ein Aufrührer, der die Obrigkeit und das Recht nicht leiden will, sondern sie angreift und wider sie streitet und sie unterdrücken und selbst Herr sein und Recht aufstellen will, wie der Müntzer (im Bauernkrieg) tat. Das heißt mit Recht ein Aufrührerischer, so daß also die Gegenwehr wider die Bluthunde nicht aufrührerisch sein kann.
[Martin Luther: Warnung an seine lieben Deutschen (1531), S. 16. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 2790 (vgl. Luther-W Bd. 4, S. 241) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

19.
Dieser ist der Bärwolf, der vom Dämon Besessene (a dämone arreptus), der in die Heide einbricht. Der diabolus, der Verwirrer, der den Rechtsbegriff selbst zerstört. Daher nennt ihn Luther auch den Anomos, er ist der fundamental gesetzlose Tyrann, … der die Tafeln des Göttlichen und des Naturgesetzes beiseite schiebt und sich selbst, seinen eigenen Willen an deren Stelle setzt. So einer kann nach Luther nicht mehr als Obrigkeit angesehen werden.
Und wenn dann die Obrigkeiten versagen im gebotenen Widerstand gegen ihn, dann muß sich das Volk zusammentun und selbst für Recht und Ordnung sorgen. Offenbar sind für ihn die beschworenen Gefahren eines Aufruhrs gegen diese radikale Vernichtung des Rechtszustandes das kleinere Übel.
Und Luther selbst? Er riskiert den Tyrannenmord: „Ehe ich meine Seele in die Hölle wollt´ lassen fahren … ich wollt´eher dran stecken was ich hätte und seditionen (Aufruhr) machen.“
Karl Dietrich Erdmann: Luther und die politischen Gewalten, in: Luthers bleibende Bedeutung, herausgegeben von Jürgen Becker, Husum 1983, Seite 89f..

20.
Bundesverfassungsgericht zum Widerstandsrecht (Entscheidung vom 17. August 1956 zum KPD-Verbot): Das Gericht schließt ein Widerstandsrecht gegen Einzelmaßnahmen ... ausdrücklich aus: würde man gegen einzelne staatliche verfassungswidrige Maßnahmen bereits ein solches Recht zulassen so übersähe man, „den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer intakten Ordnung, in der im Einzelfalle auch Verfassungswidrigkeiten vorkommen mögen, und einer Ordnung, in der die Staatsorgane aus Nichtachtung von Gesetz und Recht die Verfassung, das Volk und den Staat im ganzen verderben, so dass auch die etwa in solcher Ordnung noch bestehenden Rechtsbehelfe nichts mehr nutzen.“
http://de.wikipedia.org/wiki/Widerstandsrecht, zuletzt eingesehen am 12.3.2014



21.
„Denn das wir bisher gelehret, , stracks nicht widerzustehen der Obrigkeit, haben wir nichts gewusst, dass solches der Obrigkeit Rechte selber geben, welchen wir doch allenthalben zu gehorchen fleißig gelehret haben.“
Karl Dietrich Erdmann: Luther und die politischen Gewalten, in: Luthers bleibende Bedeutung, herausgegeben von Jürgen Becker, Husum 1983, Seite 88


22.
Als äußerste Grenzen markiert Luther: Kein Unrecht der Obrigkeit gibt Recht zu Aufruhr; aber keines Unrechts der Obrigkeit darf man sich teilhaftig machen.
[Einführung: Theologie (Gerhard Ebeling), S. 46. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 180 (vgl. RGG Bd. 4, S. 510-511) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)]

Material Stand 03-2014

Download der Zitate, auf die im Broschürentext Bezug genommen wird ...



Weiterführende Texte Martin Luthers:



Gutachten der Wittenberger Theologen zum Recht der Fürsten, sich militärisch gegen kaiserliche Angriffe zu verteidigen.(1539)
WA, Abt. Briefe, Bd.5, S.662

Tischrede Luthers zum Tyrannenmord (1.Hälfte 30er Jahre)
WA, Abt. Tischreden, Bd.1, S.558f.

Zirkulardisposition über das Recht des Widerstands gegen den Kaiser. (1539)
WA, Bd.39/2, S.34-91

Diese Texte mit kurzem Kommentar in:
Edelbert Richter: Christentum und Demokratie. Kiepenheuer, 1991, S.25-31







Links zum Thema "Kriegsdienstverweigerer A.Shepherd":



http://www.spiegel.de/politik/deutschland/us-deserteur-in-deutschland-ich-wollte-amerika-nicht-helfen-unschuldige-zu-ermorden-a-593835.html

http://www.connection-ev.de/z.php?ID=1329

http://www.deutschlandradiokultur.de/dieser-krieg-lief-meinem-sittlichen-grundempfinden-zuwider.954.de.html?dram:article_id=145623

http://www.proasyl.de/de/news/detail/news/europaeischer_gerichtshof_verhandelt_ueber_asyl_fuer_us_deserteur/

http://www.taz.de/!141148/





 


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